Pressemitteilung – Bonn/Troisdorf, den 19.05.2014:

 
 Große Koalition – große Reformen?

 

„Nein", so jedenfalls das Fazit von Dr. Rolf- Urich Schlenker, stellvertretender Vorsitzender der BARMER GEK, auf der gemeinsamen Frühjahrstagung der Vereinigung Demokratische Zahnmedizin (VDZM) und des Deutschen Arbeitskreises für Zahnheilkunde (DAZ). Zukünftige Entwicklungen im Bereich der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) im Allgemeinen und der Zahnheilkunde im Besonderen standen zur Diskussion. Dass die Politik so wenig Reformbedarf sehen würde, liege nicht zuletzt an den Krankenkassen - so der Vorwurf der Teilnehmer/innen. Die Krankenkassen hätten in der Vergangenheit zugelassen, dass immer mehr Bereiche der Zahnheilkunde außerhalb der GKV abgerechnet würden. Anliegen einer zukünftigen Gesundheits- und Kassenpolitik müsse sein, dass die GKV (wieder) entschiedener die Interessen ihrer Versicherten vertritt.

Dr. Rolf-Ulrich Schlenker hatte sein Referat unter das Motto gestellt „Große Koalition – große Reformen?". Die Auswertung des Koalitionsvertrages lasse nur geringe Absicht zu notwendigen Reformen erkennen. Wichtige Themen haben die Koalitionsparteien ausgeklammert, z.B. das strittige Thema „Bürgerversicherung" oder die Neuordnung des Bereiches Private und Gesetzliche Krankenversicherung. Lediglich im Bereich der Pflege erwartet Schlenker umfangreichere Neuerungen. Sehr bedenklich findet er die geplante Festschreibung des paritätisch finanzierten Beitragssatzes auf 14,6%. Er geht davon aus, dass viele Kassen – wenn die Rücklagen aufgebraucht sind und die Wirtschaftslage sich weniger günstig entwickelt – damit nicht auskommen werden. Aufgrund der wieder eingeführten Beitragssatzautonomie müssten dann die Kassen ihrem Finanzbedarf entsprechend den Beitrag wieder anheben, diese Erhöhung ginge aber allein zu Lasten der Versicherten.

Für viele Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen werden im zahnmedizinischen Bereich die Probleme immer deutlicher. Bei allen Versorgungsformen, seien es die Kunststofffüllung, die Wurzelkanalbehandlung, die kieferorthopädische Behandlung oder Zahnersatz, überall sind die privaten Zuzahlungen weiter ausgeufert. Damit werden Teile der Bevölkerung von einer sachgerechten Versorgung ausgegrenzt. Hier muss sich die Krankenkasse wieder stärker in der Pflicht sehen, durch fachgerechte Beratung und auch im Streitfall mit juristischer Kompetenz ihre Versicherten zu unterstützen. Eine „weiße Liste" (Patientenbefragung im Internet) reicht da nicht, und Zahnersatz aus China ist auch nicht der richtige Weg. Begrüßenswert ist immerhin, dass sich die BARMER GEK verstärkt um die Versorgungsforschung kümmern will. Aber Ziel muss bleiben, wieder einen verlässlichen Leistungskatalog zu etablieren, der allen Versicherten den Zugang zu einer fachlich fundierten Regelversorgung und zu grundlegenden Prophylaxeleistungen ohne Zuzahlung garantiert.


V.i.S.d.P.:                  

Dr. Celina Schätze, Vorsitzende des DAZ

Dr. Jochen Bauer, Vorsitzender der VDZM


 

Nocebo und Placebo – Zahnmedizin zwischen Ideologie und Kommerz

Prof. Hans-Jörg Staehle auf der Herbsttagung der VDZM in Marburg am 12. Oktober 2013Prof. Hans-Jörg Staehle auf der VDZM-Herbstveranstaltung 12.10.2013

Was ein „Placebo“ ist, wissen die meisten recht gut. Aber was bedeutet „Nocebo“? Als Fachreferent erläuterte Prof. Dr. Dr. Hans-Jörg Staehle, es gehe in beiden Fällen um Effekte, die durch Vorerwartungen des Patienten geprägt und durch die Arzt-Patient-Kommunikation verstärkt werden. Informationen, Botschaften und Interaktionen wirken sich stark auf das Behandlungsergebnis aus. Erst langsam reift die Erkenntnis, dass dies nicht nur für unterstützende, positive Wirkungen gilt (Placebo), sondern dass Botschaften, die Zahnärzte und Ärzte aussenden, auch negative Wirkungen haben können (Nocebo). Der Wirkmechanismus ist psychologischer Natur: Verbale und nonverbale Informationen sowie Suggestionen manipulieren die Erwartungshaltung des Patienten in eine negative Richtung. Bedeutsam ist das bei Patientenaufklärung, -beratung, und -führung sowie bei der Entscheidung vor Interventionen

Nocebos manipulieren Patientenentscheidungen

Was hat das mit „Zahnmedizin zwischen Ideologie und Kommerz“ zu tun, wie der Untertitel von Staehles Vortrag lautete? Manche Zahnärzte und Ärzte setzen Informationsvermittlung bewusst ein, um Entscheidungen der Patienten für eine Therapie zu steuern. Im Sinne des „Kommerzes“, dem „Verkauf“ zahnärztlicher Dienstleistungen, werden dem Patient die Vorteile der einen Therapie in leuchtenden Farben geschildert („Das CAD-CAM-gefertigte Keramikinlay hält lange“) und die Alternativtherapie in ein schlechtes Licht gerückt („Direkt gefertigte Kompositfüllungen enthalten potenziell gesundheitgefährdende Stoffe“). Weitere Beispiele, so der Referent, fallen bei der Versorgung von Einzelzahnlücken auf, wenn Implantate empfohlen werden, obwohl die lückenangrenzenden und gegenüberliegenden Zähne seit Jahrzehnten stabil sind. Zahnärztliche Webseiten, zeigte der Referent, listen zur Manifestation des Behandlungswunschs angebliche Folgen bei Nichtversorgung der Zahnlücken auf bis hin zu Kopfschmerzen und Tinnitus. Was aber ist, wenn der Patient sich etwa aus finanziellen Gründen nicht für die Therapie entscheidet? Die Suggestion von negativen Folgen kann zum Nocebo-Effekt führen. Der Patient ist verunsichert und nimmt banale, eigentlich vorübergehende Symptome übersteigert wahr.

Eine „Nocebo-Kaskade“ sieht Staehle folgendermaßen, vorstellbar etwa bei der Haltung gegenüber zahnärztlichen Füllungsmaterialien: Zuerst wird in der Bevölkerung ein unspezifisches Gefühl des Unbehagens erzeugt, es folgt das Wachhalten des kursierenden „Nocebogefühls“ in der Bevölkerung, sodann werden die latenten Nocebovorstellungen mittels Mutmaßungen individualisiert, für häufig vorkommende unspezifische Beschwerden wird ein vermeintlicher Auslöser der Beschwerden angeboten, vorgeblich objektive „Testergebnisse“ verfestigen und konkretisieren das Ganze, so dass abschließend ein ausreichender Noceboeffekt aufgebaut ist.

Nocebo-Effekte – Befürchtungen können krank machen

Nocebowirkungen gelten allgemein als unbeabsichtigt und unerwünscht. Überraschend für die Zuhörer war, dass es jedoch auch bewusst eingesetzte Nocebos gibt. Solche, so Staehle, gebe es bei „Profiteuren im teilprivatisierten Gesundheitswesen“ unter den schulmedizinisch orientierten Zahnärzten. Daneben gebe es viele Nocebovorstellungen die auf ideologischen Überzeugungen basieren, insbesondere in der alternativen, komplementären Zahnmedizin. Die Gesprächsführung geht dann vielleicht in die Richtung „Sie sind vergiftet.“
Problematisch wird es, wenn sich der Noceboeffekt chronifiziert. Das kann bei Patienten mit somatoformen Störungen der Fall sein. Es handelt sich dabei um unspezifische körperliche Beschwerden wie Müdigkeit oder Erschöpfung ohne organische Erkrankung. Wenn Patienten mit hoher Empfindlichkeit für Noceboeffekte auf „Überweiserketten“ von Ärzten und Zahnärzten treffen, besteht die große Gefahr ein Über- und Fehltherapie. Alternative Heilmethoden seien in diesen Fällen alles andere als sanft, sondern führten zu teilweise hoch invasiven und irreversibel schädlichen Therapien, wenn Zähne extrahiert und Knochen „ausgefräst“ wird.

Durch Komplementärmedizin, auch Homöopathie, würden Noceboeffekte gefördert, die später mit Placebos bekämpft würden. Verblüffenderweise ist die Placebowirkung komplementärer Therapiemaßnahmen umso stärker, je mehr zuvor der Noceboeffekt aufgebaut wurde.

Selbsthilfepotenzial des Patienten restaurieren

Bei Patienten, die dem Noceboeffekt anheim gefallen sind, gelte es, beruhigend zu wirken und den Circulus vitiosus aus Nocebo und Placebo zu unterbrechen. Selbsthilfekapazitäten werden wieder geweckt, indem der Patient aktiv bei der Verbesserung der Mundhygiene eingebunden wird, ihm Lob mit Hinweisen auf Erfolge zuteil werden.

Als eine der Möglichkeiten, um bei jungen Zahnmedizinabsolventen dem Glauben an Heilsversprechen vorzubeugen, nannte Prof. Staehle eine höhere Qualifizierung. Er sprach sich für eine strukturierte Weiterbildungsphase aus, die in Zahnarztpraxen stattfindet. Hierüber, so die Teilnehmer der Diskussion, wird noch zu reden sein.

   

Playback in die 1970er

Playback-Theater Köln am 12.10.2013 in MarburgDie Herbsttagung der VDZM fand am 11. Oktober 2013 in Marburg statt, an dem Ort, wo die Vereinigung 1978 gegründet wurde. Die VDZM setzt sich für eine zahnmedizinische Gesundheitspolitik ein, die an den Ursachen von Zahnerkrankungen ansetzt und von sozialer Verantwortung gegenüber den Patienten geprägt ist. Gründungsmitglieder berichteten über Anfangshoffnungen und den einen oder anderen Rückschlag. Der abendliche Kulturbeitrag des „Playback-Theaters Köln“ dramatisierte diese sehr persönlichen Erfahrungen der vergangenen 35 Jahre auf expressive und humorvolle Weise.