Versorgungsstärkungsgesetz

Stellungnahme zum Versorgungsstärkungsgesetz (VSG, Referentenentwurf)

Bonn, 28.11.2014

Es ist längst überfällig, etwas für die Mundgesundheit von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen zu tun. Die Vereinigung Demokratische Zahnmedizin e. V. (VDZM) begrüßt es daher, dass die Bundesregierung an dieser Stelle initiativ werden möchte. Im Referentenentwurf für ein Versorgungsstärkungsgesetz ist ein Paragraph 22a SGB V formuliert. Die VDZM empfiehlt einige Änderungen vor. Außerdem stellt sie fest: Die geplante Individualprophylaxe wird nicht ausreichen. Es bedarf eines breiteren Ansatzes. Hierfür schlägt die VDZM im Hinblick auf das ebenfalls geplante Präventionsgesetz einen neuen Absatz „Mundgesundheitsförderung“ in § 20 SGB V vor.

 

Weiterlesen: Versorgungsstärkungsgesetz

 

Nocebo und Placebo – Zahnmedizin zwischen Ideologie und Kommerz

Prof. Hans-Jörg Staehle auf der Herbsttagung der VDZM in Marburg am 12. Oktober 2013Prof. Hans-Jörg Staehle auf der VDZM-Herbstveranstaltung 12.10.2013

Was ein „Placebo“ ist, wissen die meisten recht gut. Aber was bedeutet „Nocebo“? Als Fachreferent erläuterte Prof. Dr. Dr. Hans-Jörg Staehle, es gehe in beiden Fällen um Effekte, die durch Vorerwartungen des Patienten geprägt und durch die Arzt-Patient-Kommunikation verstärkt werden. Informationen, Botschaften und Interaktionen wirken sich stark auf das Behandlungsergebnis aus. Erst langsam reift die Erkenntnis, dass dies nicht nur für unterstützende, positive Wirkungen gilt (Placebo), sondern dass Botschaften, die Zahnärzte und Ärzte aussenden, auch negative Wirkungen haben können (Nocebo). Der Wirkmechanismus ist psychologischer Natur: Verbale und nonverbale Informationen sowie Suggestionen manipulieren die Erwartungshaltung des Patienten in eine negative Richtung. Bedeutsam ist das bei Patientenaufklärung, -beratung, und -führung sowie bei der Entscheidung vor Interventionen

Nocebos manipulieren Patientenentscheidungen

Was hat das mit „Zahnmedizin zwischen Ideologie und Kommerz“ zu tun, wie der Untertitel von Staehles Vortrag lautete? Manche Zahnärzte und Ärzte setzen Informationsvermittlung bewusst ein, um Entscheidungen der Patienten für eine Therapie zu steuern. Im Sinne des „Kommerzes“, dem „Verkauf“ zahnärztlicher Dienstleistungen, werden dem Patient die Vorteile der einen Therapie in leuchtenden Farben geschildert („Das CAD-CAM-gefertigte Keramikinlay hält lange“) und die Alternativtherapie in ein schlechtes Licht gerückt („Direkt gefertigte Kompositfüllungen enthalten potenziell gesundheitgefährdende Stoffe“). Weitere Beispiele, so der Referent, fallen bei der Versorgung von Einzelzahnlücken auf, wenn Implantate empfohlen werden, obwohl die lückenangrenzenden und gegenüberliegenden Zähne seit Jahrzehnten stabil sind. Zahnärztliche Webseiten, zeigte der Referent, listen zur Manifestation des Behandlungswunschs angebliche Folgen bei Nichtversorgung der Zahnlücken auf bis hin zu Kopfschmerzen und Tinnitus. Was aber ist, wenn der Patient sich etwa aus finanziellen Gründen nicht für die Therapie entscheidet? Die Suggestion von negativen Folgen kann zum Nocebo-Effekt führen. Der Patient ist verunsichert und nimmt banale, eigentlich vorübergehende Symptome übersteigert wahr.

Eine „Nocebo-Kaskade“ sieht Staehle folgendermaßen, vorstellbar etwa bei der Haltung gegenüber zahnärztlichen Füllungsmaterialien: Zuerst wird in der Bevölkerung ein unspezifisches Gefühl des Unbehagens erzeugt, es folgt das Wachhalten des kursierenden „Nocebogefühls“ in der Bevölkerung, sodann werden die latenten Nocebovorstellungen mittels Mutmaßungen individualisiert, für häufig vorkommende unspezifische Beschwerden wird ein vermeintlicher Auslöser der Beschwerden angeboten, vorgeblich objektive „Testergebnisse“ verfestigen und konkretisieren das Ganze, so dass abschließend ein ausreichender Noceboeffekt aufgebaut ist.

Nocebo-Effekte – Befürchtungen können krank machen

Nocebowirkungen gelten allgemein als unbeabsichtigt und unerwünscht. Überraschend für die Zuhörer war, dass es jedoch auch bewusst eingesetzte Nocebos gibt. Solche, so Staehle, gebe es bei „Profiteuren im teilprivatisierten Gesundheitswesen“ unter den schulmedizinisch orientierten Zahnärzten. Daneben gebe es viele Nocebovorstellungen die auf ideologischen Überzeugungen basieren, insbesondere in der alternativen, komplementären Zahnmedizin. Die Gesprächsführung geht dann vielleicht in die Richtung „Sie sind vergiftet.“
Problematisch wird es, wenn sich der Noceboeffekt chronifiziert. Das kann bei Patienten mit somatoformen Störungen der Fall sein. Es handelt sich dabei um unspezifische körperliche Beschwerden wie Müdigkeit oder Erschöpfung ohne organische Erkrankung. Wenn Patienten mit hoher Empfindlichkeit für Noceboeffekte auf „Überweiserketten“ von Ärzten und Zahnärzten treffen, besteht die große Gefahr ein Über- und Fehltherapie. Alternative Heilmethoden seien in diesen Fällen alles andere als sanft, sondern führten zu teilweise hoch invasiven und irreversibel schädlichen Therapien, wenn Zähne extrahiert und Knochen „ausgefräst“ wird.

Durch Komplementärmedizin, auch Homöopathie, würden Noceboeffekte gefördert, die später mit Placebos bekämpft würden. Verblüffenderweise ist die Placebowirkung komplementärer Therapiemaßnahmen umso stärker, je mehr zuvor der Noceboeffekt aufgebaut wurde.

Selbsthilfepotenzial des Patienten restaurieren

Bei Patienten, die dem Noceboeffekt anheim gefallen sind, gelte es, beruhigend zu wirken und den Circulus vitiosus aus Nocebo und Placebo zu unterbrechen. Selbsthilfekapazitäten werden wieder geweckt, indem der Patient aktiv bei der Verbesserung der Mundhygiene eingebunden wird, ihm Lob mit Hinweisen auf Erfolge zuteil werden.

Als eine der Möglichkeiten, um bei jungen Zahnmedizinabsolventen dem Glauben an Heilsversprechen vorzubeugen, nannte Prof. Staehle eine höhere Qualifizierung. Er sprach sich für eine strukturierte Weiterbildungsphase aus, die in Zahnarztpraxen stattfindet. Hierüber, so die Teilnehmer der Diskussion, wird noch zu reden sein.