Pressemitteilung zur VDZM-Herbsttagung

  

Von unbewältigter Vergangenheitsbewältigung und diskriminierender Kostenverlagerung

     
Bonn, 18.10.2016. Eine verantwortungsvolle Aufarbeitung der Zahnmedizin im Nationalsozialismus sowie eine kritische Betrachtung der zunehmenden Kostenbelastung der Patienten durch Zuzahlungen standen im Mittelpunkt der Herbsttagung der VDZM in Kassel.

 

Aktueller Anlass war das gerade erschienene Buch mit dem Titel „…total fertig mit dem Nationalsozialismus“? – „Die unendliche Geschichte der Zahnmedizin im Nationalsozialismus“.    von Dr. Wolfgang Kirchhoff und Frau Prof. Claris-Petra Heidel.


Dr. Kirchhoff, Gründungsmitglied der VDZM, hat sich seit Jahrzehnten intensiv mit dem Thema beschäftigt. Bei der Vorstellung des Buches betonte er, dass erstmals ausführlich auch die Rolle der Oppositionellen und Widerständler aus den Reihen der Zahnmedizin aufgearbeitet werde. Zur Erinnerung: Nach der Machtübernahme Hitlers hatte sich der Reichsverband der Zahnärzte als erste akademische Organisation  freiwillig dem NS-Regime unterstellt. Zuerst wurden  die Kollegen mit unerwünschten politischen Einstellungen - zum Beispiel Sozialdemokraten - in Konzentrationslager gesperrt. Danach wurden die jüdischen Zahnärzte verfolgt, und ihnen wurde schrittweise die Berufserlaubnis entzogen. Diejenigen, die bis 1941 nicht ins Exil flüchten konnten, wurden in Vernichtungslager deportiert und mit wenigen Ausnahmen umgebracht. Versorgungseinrichtungen wie  Zahnambulatorien , die in der Weimarer Republik gut funktioniert hatten, wurden aufgelöst. Versorgungsdefizite waren bald danach die Folge.  Die zahnmedizinische Wissenschaft lieferte Beiträge zur Durchführung von Sterilisationen und Euthanasie. In den Konzentrationslagern organisierten Zahnärzte das Entfernen der Goldzähne aus den Leichen der Opfer.


Wie beschämend, so der Autor, die „Vergangenheitsbewältigung“ der zahnärztlichen Standesführung in der Bundesrepublik nach 1945 verlief, dafür liefert das Buch zahlreiche Beispiele.


So wollte das aus der NS-Zeit übernommene Personal der Standesführung schon 1949 „kein nutzloses Wühlen in der Vergangenheit mehr“ ! 1983 wurde behauptet,  der Nationalsozialismus sei bei den Zahnärzten gar nicht „zuhause gewesen“. Noch 2016 sei in den zahnärztlichen Mitteilungen (zm) unwidersprochen zu lesen gewesen, dass die Täter missbraucht und instrumentalisiert  worden wären. Täter wurden also zu Opfern gemacht, so Dr. Kirchhoff.  Das Eingeständnis von Schuld und Scham, wie es bei den Ärzten schon längst eingeräumt wurde, fehle bei den Zahnärzten bis heute. Dr. Wolfgang Kirchhoff erklärte, dass er hoffe, dass mit seiner Aufarbeitung über Täter und Opfer aus den Reihen der Zahnärzteschaft mehr Klarheit geschaffen wird und sich die Vertretung der Zahnärzteschaft endlich zu einer wirklichen Bewältigung ihrer NS-Geschichte durchringen kann.


Im zweiten Teil der Tagung untermauerte der Gesundheitswissenschaftler Dr. Dr. Jens Holst von der Hochschule Fulda seine These: Eine solidarische Gesundheitsfinanzierung ist möglich – eine gute Versorgung ohne Kommerzialisierung ebenfalls.


Als wichtigste Maxime der deutschen Gesundheitspolitik beweist sich nach Dr. Holst  die Beitragsstabilität, mit dem Ziel, die Lohnnebenkosten nicht zu erhöhen. Als Steuerungsinstrument baut der Gesetzgeber auf Ausgliederung von Leistungen und auf private Zuzahlungen, die er schönfärberisch mit „Eigenverantwortlichkeit“ tituliert. Die Annahme dabei sei, dass die finanzielle Mehrbelastung die Patienten daran hindern würde,  überzogene und unsinnige Leistungen in Anspruch zu nehmen.


Der Referent bezweifelte, ob dieses relevant für die Kostendämpfung sei. Umfrageergebnisse hätten gezeigt, dass GKV-Versicherte in Deutschland der Meinung seien, dass sie selbst das System nicht missbrauchen, aber häufig annahmen, dass andere dies tun würden.  In der wissenschaftlichen Betrachtung gebe es keine empirischen Belege für die Annahme, dass Selbstbeteiligungen unnötige Leistungen verringern würden. Aus grundsätzlichen sozial-politischen Erwägungen müsse die Selbstbeteiligung als kontraproduktiv angesehen werden, denn die soziale Absicherung müsse gerade darauf abzielen, den Zugang zur Gesundheitsversorgung zu verbessern.


Die Zuzahlungen beträfen immer vernünftige und überflüssige Leistungen gleichermaßen. Nicht jeder vermiedene Arztkontakt sei gut: verzögerte Diagnose und Therapie verursachten oft vermeidbare Kosten. Der Referent nannte ein Beispiel aus Italien. Hier wurden die Zuzahlungen für Medikamente erhöht. Dadurch hatten viele Patienten ihre  Medikamente ausgesetzt oder gestreckt. Die Folge war, dass die Krankheitskosten letztlich höher wurden, da zum Beispiel die Notfallbehandlungen anstiegen.


Zuzahlungen seien sozial unverträglich, betonte Dr. Dr. Holst, da sie eine Benachteiligung der Kranken darstelle, denn Gesunde sind von diesen Kosten nicht betroffen. Ob ein Kostendämpfungseffekt überhaupt erreicht werden könne, sei empirisch nicht belegt. Bei den für die Krankenkassen teuersten 20 Prozent der Bevölkerung, nämlich bei denen, die an schweren und komplexen Erkrankungen leiden, könne das System ohnehin nicht angewendet werden. Evident sei, dass die Ärmeren diskriminiert würden, denn für einkommensschwache Haushalte bedeuten Zuzahlungen eine relativ höhere finanzielle Belastung als für die Reicheren.
Die Gesundheitspolitiker, Krankenkassen und Standesvertreter sollten dies wahrnehmen, anstatt den Versicherungsunternehmen das Feld zu überlassen.

  

V.i.S.d.P.:        
Dr. Jochen Bauer, Vorsitzender der VDZM


 

Pressemitteilung – Bonn, den 22.05.2015:
 

Mundgesundheitsförderung gesetzlich etablieren!

 

Die Vereinigung Demokratische Zahnmedizin e. V. (VDZM) begrüßt die Absicht des Gesetzgebers, mit einem Präventionsgesetz die Gesundheitsförderung und Prävention in den „Lebenswelten“ der Bürgerinnen und Bürger zu stärken und dabei mehrere Sozialversicherungsträger einzubeziehen. Im Gesetzentwurf fehlt allerdings die Mundgesundheitsförderung. Die VDZM schlägt vor, diese zu ergänzen. So werden über das Präventionsgesetz die Kranken- und die Pflegeversicherung mittels eines § 20j SGB V „Mundgesundheitsförderung“ sowie eine entsprechende Regelung in § 5 SGB XI eingebunden. Gesetzliches Ziel sollte die Verbesserung des allgemeinen Mundgesundheitszustands in allen Altersgruppen der Bevölkerung sein. Darüber hinaus sollten Zielgruppen angesprochen werden, die aufgrund ihrer körperlichen, seelischen oder sozialen Situation besonders verletzlich und stärker von Zahn- und Mundkrankheiten betroffen sind.

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Pressemitteilung – Bonn, den 26.03.2015:
 

GKV-Versorgungsstärkungsgesetz fördert Mundgesundheit von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen unzureichend

 

Anlässlich der gestrigen Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages bekräftigt der zahnärztliche Berufsverband Vereinigung Demokratische Zahnmedizin (VDZM) seine Kritik an der geplanten Neufassung des § 22a SGB V. ...

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Versorgungsstärkungsgesetz

Stellungnahme zum Entwurf eines GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes
(GKV-VSG)

Bonn, 26. März 2015

Es ist längst überfällig, etwas für die Mundgesundheit von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen zu tun. Die Vereinigung Demokratische Zahnmedizin e. V. (VDZM) begrüßt es daher, dass die Bundesregierung an dieser Stelle initiativ werden möchte. Im Referentenentwurf für ein Versorgungsstärkungsgesetz ist ein Paragraph 22a SGB V formuliert. Die VDZM empfiehlt einige Änderungen. Außerdem stellt sie fest: Die geplante Individualprophylaxe wird nicht ausreichen. Es bedarf eines breiteren Ansatzes. Hierfür schlägt die VDZM im Hinblick auf das ebenfalls geplante Präventionsgesetz einen neuen Absatz „Mundgesundheitsförderung“ in § 20 SGB V vor.

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