Pressemitteilung:

 

Selbst viermal jährlich reicht nicht

 

Defizite in der Mundgesundheit bei Pflegebedürftigen, pflegebedürftigen Behinderten und Demenzerkrankten

 

Bonn, 22. Oktober 2013. Pflegebedürftige Menschen sind oft unzureichend zahnmedizinisch versorgt und haben häufig ein vernachlässigtes Gebiss. Nach Ansicht der Vereinigung Demokratische Zahnmedizin e. V. (VDZM) reicht es nicht aus, dass eine Zahnarzthelferin beispielsweise viermal jährlich den Pflegebedürftigen aufsucht und eine Zahnreinigung durchführt. Solche Vorstellungen der Zahnärzteschaft griffen zu kurz. Vielmehr gehe es darum, jeden Tag für eine gute Zahn-, Mund- und Prothesenpflege zu sorgen, auf eine zuckerarme Ernährung zu achten und Fluorid anzuwenden. Die pflegenden Personen seien hierfür zwar verantwortlich, aber auf Grund mangelnder Kenntnisse  dazu nicht  ausreichend in der Lage. Deshalb ist es dringend erforderlich, durch mehr Information und eine spezielle Aus- und Weiterbildung der pflegenden und betreuenden Personen  die Mundgesundheit bei Pflegebedürftigen, pflegebedürftigen Behinderten und Demenzerkrankten zu verbessern. Ehrgeiziges Ziel könnte die Sicherstellung einer Mundgesundheit sein, die der einer vergleichbaren Altersgruppe der Normalbevölkerung entspricht oder sogar noch besser ist.

Zentraler Punkt der Verbesserungsvorschläge der VDZM ist die Stärkung der Mundgesundheitskompetenz der Pflegenden.

Konkret fordert die VDZM das Bundesgesundheits- und das Familienministerium auf, die Zahnpflege in der Altenpflege-Ausbildung verpflichtend zu verankern. Ebenfalls ist eine gezielte Weiterbildung in den pflegenden und betreuenden Berufsgruppen zu installieren.  Denn diesen hinsichtlich Mundgesundheit speziell ausgebildeten Pflegefachkräften  erwächst insbesondere im ambulanten Bereich eine wichtige Aufgabe: Sie sollen durch ihre Hilfestellung und praktischen pflegefachlichen Anleitungen die häuslich Pflegenden unterstützen, deren Kompetenz erweitern und so die Qualität der Mundgesundheit verbessern.

Auch eine  Untersuchung mindestens einmal im Jahr durch den Zahnarzt muss verpflichtender Standard sein. Außerdem sollte bei der Reform der zahnärztlichen Approbationsordnung ein Pflegepraktikum berücksichtigt werden. Den angehenden Zahnmedizinern würden auf diese Weise Kenntnisse über das Pflegesystem und altersgerechte Versorgungsformen vermittelt.

Die VDZM diskutierte diese Vorschläge auf ihrer Herbsttagung in Marburg. Zu deren Auftakt hatte Prof. Dr. Dr. Hans-Jörg Staehle, Universität Heidelberg, eine noch wenig bekannte Gefährdung des Patienten, den „Noceboeffekt "erläutert. Dieser bildet das Pendant zum Placeboeffekt. Nocebos, also schädigende Wirkungen entstehen, so Staehle, wo zahnärztliche Kommunikation bewusst zur Manipulation eingesetzt wird, sei es aus ideologischen oder kommerziellen Interessen. Durch einseitige Schilderung von angeblich negativen Auswirkungen preiswerter Therapien wie Füllungen „verkaufen“ manche Zahnärzte teure Alternativen wie Keramikinlays. Genauso problematisch sind nach Staehle therapeutische Interventionen zu bewerten, die aus ideologischen Gründen erfolgen. Beispiele hierfür sind Entfernungen von gesunden Zähnen, weil sie angeblich Fernwirkungen auf ein anderes erkranktes Organ ausübten, oder massive Knochenausfräsungen nach Wurzelerkrankungen. Eine ausführlichere Dokumentation von Prof. Staehles „Nocebo-Kaskaden“ und der „Nocebo-Placebo-Zahnmedizin“ findet sich auf der VDZM-Homepage unter www.vdzm.de.

Staehle rät jungen Zahnmedizinabsolventen zu einer höheren Qualifizierung, um dem Glauben an Heilsversprechen vorzubeugen. Er sprach sich für eine strukturierte Weiterbildungsphase aus, die in zertifizierten Zahnarztpraxen stattfinden sollte.

Natürlich wurde auch darüber kontrovers diskutiert, wie es sich für eine Jubiläumsveranstaltung der VDZM gehört. Hier in Marburg vor 35 Jahren gegründet hat sie sich in all den Jahren dafür eingesetzt, die Sicherung und Verbesserung der Mundgesundheit als sozialer Verantwortung gegenüber den Patienten zu verstehen. Gründungsmitglieder berichteten über Anfangshoffnungen, politische Erfolge, aber auch von Rückschlägen. Der abendliche Kulturbeitrag des „Playback-Theaters Köln“ dramatisierte diese Erfahrungen der vergangenen 35 Jahre auf expressive und humorvolle Weise.

V.i.S.d.P.:                  

Dr. Jochen Bauer, Vorsitzender der VDZM