Im Alter nicht mehr ohne sondern mit -
Was Senioren und ihre Zähne heute wirklich brauchen


Tipps und Anregungen für die Alterszahnheilkunde und Alterszahnpflege. Besonders defizitäre Verhältnisse bei den Pflegebedürftigen. Unterstützung von Pflegepersonen durch Prophylaxefachkräfte erforderlich


Bonn, 14. November 2006. Auf der Herbstveranstaltung der Vereinigung Demokratische Zahnmedizin e.V. (VDZM) in Berlin zeigte Priv. Doz. Dr. Ingrid PEROZ, Oberärztin für Prothetik und Alterszahnheilkunde an der Humboldt-Universität, die besonderen Bedürfnisse älterer Patienten auf. Die Teilnehmer der Veranstaltung diskutierten neben den fachlichen Aspekten auch, welche strukturellen und personellen Veränderungen daraufhin vorzunehmen sind.

Dr. PEROZ hob hervor, dass laut der dritten Mundgesundheitsstudie (DMS-III, 1997) nach wie vor ein Viertel der 65- bis 74- jährigen zahnlos sei. Im Umkehrschluss bedeute dieses aber auch, dass drei Viertel der Menschen heute im hohen Alter noch viele Zähne behalten, welche der Pflege, Betreuung und gegebenenfalls auch der Behandlung bedürfen. In Verbindung mit der steigenden Lebenserwartung werde laut des Statistischen Bundesamtes die Zahl der über 80jährigen bis zum Jahr 2050 von derzeit knapp vier Millionen auf über zehn Millionen steigen.

Im hohen Alter belaste und beeinträchtige die Multimorbidität vieler Menschen ihre Mundgesundheit. Insbesondere die speichelhemmende Wirkung vieler Medikamente, allem voran Antidepressiva und Antihypertonika, erhöhten durch den Wegfall der Spül-, Pufferungs- und Remineralisationswirkung des Speichels die Risiken für Karies und Parodontitis ganz dramatisch. Für die Betreuung und Medikation dieser Menschen könnten und sollten Speichelersatzstoffe mit zusätzlichem Fluoridgehalt bis zu 4 ppm zum Einsatz kommen. Verfügbar seien auch Spezialkaugummis mit künstlichem Speichel und Mundspüllösungen.

Ein besonderes Problem böten auch Zustände nach Bestrahlungen, etwa im Rahmen einer Krebstherapie. Nach einer solchen bliebe so gut wie immer eine verringerte Speichelproduktion zurück. Insbesondere die Ohrspeicheldrüse regeneriere nicht wieder.

Gerade beim alten Menschen trete besonders die Zahnhalskaries hervor, die aufgrund des reduzierten Zahnfleischniveaus oft flächig bis zirkulär anwachse sowie besonders gern unterhalb von Kronenrändern in Erscheinung trete. Um der Zahnhalskaries präventiv zu begegnen, biete sich neben geeigneter Plaquebeseitigung mittels Zahnbürste und Zwischenraumpflegehilfsmitteln auch die hochdosierte Lokalfluoridierung in wöchentlichen Gel-Applikationen oder auch in vierteljährlichen FluoridLack-Touchierungen an.

Die im hohen Alter und insbesondere bei Eintritt der Pflegebedürftigkeit nachlassende Fähigkeit zur Eigenzahnpflege werde allzu oft nicht gleichwertig durch die Pflegepersonen aufgefangen, so dass daraus in vielen Einzelfällen ein fulminanter Zerstörungsschub des Gebisses mit dramatischem Einbrüchen der verbliebenen Kau- und Lebensfunktionen folge.

Weiterhin wisse man heute, dass etwa bei Parodontitis auch das Risiko für gesamtgesundheitliche Schäden steige. So nähme das kardiovaskuläre (Herz/Kreislauf) Risiko gleich auf das doppelte zu. Regelmäßig werde bei Parodontitis-Patienten in Greifmuskel-Tests eine deutlich niedrigere Muskelkraft wie beim parodontal Gesunden gemessen, was auf ein erhöhtes Risiko für Pflegebedürftigkeit hinweise.

Einer Studie zufolge, in der bei Geriatrischen Patienten bakteriologische Mundschleimhaut- beziehungsweise Prothesenabstriche vorgenommen wurden, musste bei 52 Prozent bis 69 Prozent der Fälle ein Verdacht auf Vorliegen einer Candidiasis, also Pilzbesiedelung, als Ausdruck mangelhafter Hygiene und eventueller Abwehrschwäche festgestellt werden.

Entgegen der landläufigen Vorstellung vom "Gebiss im Glas" könne es bei diesem Personenkreis im übrigen sinnvoller sein, den Ersatz nachts nicht zu tragen und dann eher trocken zu lagern als feucht.

Eine gute Empfehlung könne im Einzelfall auch die Anschaffung eines Ultraschallreinigungsgerätes für Zahnersatz sein, das heute für wenige Euro sogar schon von Diskounthandelsketten angeboten werde.

Pflege für die Pflege - Die Pflegepersonen in der Gebisspflege unterstützen

Die als besonders defizitär erkannte Situation in Heimen und Pflegeeinrichtungen wie vielfach auch in der häuslichen Pflege löste unter den Tagungsteilnehmern eine lebhafte Diskussion aus.

Angehörige berichteten, dass die pflegenden Personen oft so stark von den übrigen pflegerischen Aufgaben gefordert wie zuweilen auch überfordert seien, dass die Mund- und Gebisspflege eben aus dem Blick gerate oder einfach unterbleibe. Unsicherheiten über das geeignete Vorgehen, den angemessenen Einsatz von Hilfsmitteln und von Pflegeprodukten kämen hinzu. Die Diskutanten waren sich einig, dass die pflegenden Personen, egal ob sie in pflegerischen Einrichtungen oder in der häuslichen Pflege tätig seien, in gewissen Abständen, zum Beispiel halbjährlich, eine Unterstützung durch mobile Zahn-Prophylaxefachkräfte erfahren sollten, die sie bei der Arbeit aufsuchen, beraten, schulen, remotivieren und mit Maßnahmen professioneller Zahn- und Zahnersatz-Reinigung sowie auch lokaler Zahnlack-Fluoridierung unterstützen können.

Erfahrungen aus einem Modellprojekt der Zahnärztekammer Berlin (2005/2006), wo drei zahnärztliche Teams mit je zwei Zahnmedizinischen Fachangestellten aus einer Praxis sowie von der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendzahnpflege (LAG) insgesamt 56 Wohneinrichtungen für behinderte Erwachsene mindestens zweimal jährlich aufsuchten und betreuten, hätten gezeigt, wie dankbar die pflegenden Personen dies nach anfänglicher Zurückhaltung aufgenommen hätten, und wie sehr sich die Pflege im Alltag daraufhin verbessert habe. Im übrigen wurden die Kosten hier mit 26 Euro pro Bewohner und Jahr angegeben. Allerdings fehlten hier Zahnreinigungen und Fluoridapplikationen im Angebot.

Von den Teilnehmern der Veranstaltung kritisch betrachtet wurde die Einstellung vieler Zahnärzteverbände und Zahnärztekammern, den Schwerpunkt vorrangig in der Behandlung zu sehen. Sicherlich wäre auch diese verbesserungswürdig. Allerdings sei die Behandlung der betroffenen Pflegebedürftigen im Bedarfsfalle seitens der Angehörigen oder der Pflegedienstleitungen durch das Verweisen zum Hauszahnarzt oder das Hinzuziehen eines die Einrichtung betreuenden Zahnarztes durchaus zu lösen.

Die Unterstützung der Pflegepersonen erfordere jedoch ebenso wie in der Jugendzahnpflege und Gruppenprophylaxe strukturelle Maßnahmen unter Einsatz von Prophylaxefachkräften, die nach aktueller Gesetzeslage unter eine wie auch immer geartete zahnärztlicher Aufsicht zu stellen seien. Auch in der Seniorenbetreuung könne das Gruppenprophylaxe-Modell angewendet werden. Man könnte die LAGs damit beauftragen, ebenso wie auch Strukturverträge denkbar seien, nach denen Zahnärzte mit geeigneten Prophylaxe-Teams im Auftrage oder auf Abruf tätig werden könnten.

"Die Menschen brauchen Unterstützung und Hilfe von uns, wenn sie sich noch nicht - und wenn sie sich nicht mehr selbst helfen können. Das betrifft also die Prophylaxe bei Kindern und Jugendlichen einerseits sowie bei pflegebedürftigen Senioren und ähnlichen Personengruppen andererseits. Hier liegen die besonderen Aufgaben und hier schließt sich dann der Kreis", fasste Dr. PEROZ die Ergebnisse der Diskussion zusammen.

Für Rückfragen und weitere Informationen:
Dr. med. dent. Burghard HAHN
Kasseler Str. 1a, 60486 Frankfurt am Main
Tel. (069) 77 29 77